5. Stremel: Kassieren mit Pistole

5. Stremel: Kassieren mit Pistole

Trotz aufwändiger Beobachtung hatten die drei Freunde nicht herausbekommen, wann am meisten Geld in der Bank sein konnte. Jedenfalls kam der Geldtransporter immer um 20 nach 8. Punkt halb 9 machten die Uniformierten der Straßenbahn ihre Frühstückspause. Da musste alles vorbei sein. Also wollten spätestens 5 nach acht in der Bank sein. Es ging tatsächlich 3 Stufen aufwärts in den Schalterraum.

Jan hatte mehrere Arten der Maskierung versucht. Eine Zorro Maske fand er sehr kleidsam, aber er fürchtete, man könne ihn wieder erkennen auf einem Überwachungsfoto. Am eindrucksvollsten schien ihm die Strumpfhose aus Nylon. Er schnitt ein Teil eines Beines heraus und probierte vor dem Spiegel wie er damit aussähe. Dann nahm er eine alten Hut, den er seit Jahr und Tag nicht mehr getragen hatte und schob ihn sich über die Stirn, fast in die Augen. Innen klebte er die Strumpfhose ein, so dass er sie blitzschnell über sein Gesicht ziehen konnte. Über sein Unterhemd zog er einen dicken Pullover und darüber ein weites Oberhemd. Das sah aus, also ob er Bodybuilding gemacht hätte. Der Pullover füllte alle Freiräume zwischen Haut und Hemd total aus. Auf der Brust, an den Schultern und auch am Bizeps war Jan jetzt gut bepackt. Ein weites Jackett hatte er im Sozialladen für 3 Euro gekauft und so trat er vor den Spiegel und sagte: „OK, ich bin fertig.“ Die Pistole wurde in das Jackett gesteckt und in eine Hosentasche eine Plastiktüte mit der Aufschrift:“ Bei uns immer frisch!“ Ein Bild von grünem Gemüse rundete den Werbespruch ab. Es war Dienstag, der Tag des Mars, also genau richtig. Frohen Mutes machte er sich auf zum Stadtpark, dann zum Zentralfriedhof und schließlich zu der Bank, auf der Dieter schon wartete. Auch Werner sollte als Einzelgänger zum Treffpunkt laufen.

Wenn irgendwas Besonderes ist, dann pfeifst du auf der Trillerpfeife“, sage Jan leise. „Ich komme raus und pack meine Plastiktüte in die braune Aktentasche.“ Vom Blumenladen her kamen Fremde auf die Haltestelle zu. Jan wechselte schnell das Thema und tat so, als kenne er Dieter nicht: „Sitzen Sie schon lange hier? Wann kommt denn die nächste Bahn?“

Dieter war zuerst etwas verblüfft. Dann begriff er: „Keine Ahnung, ich habe nur das Grab meiner Mutter besucht. Mit der nächsten Bahn fahre ich zurück nach Haus.“

Als die Fremden außer Sichtweite waren, kam auch Werner atemlos aus dem Friedhofeingang zu der Bank. Er stellte sich vor den Fahrplan, um erst einmal wieder Atem zu schöpfen. Dann ging er auf dem Gehweg so weit, dass er außerhalb der Videoüberwachung sein musste. Wann immer ein Bankkunden kommen würde, der müsste an ihm vorbei, so dass er ihn anhalten konnte. 

Einige Halbwüchsige fuhren mit ihren Fahrrädern immer im Kreis um das Rondell bei der Haltestelle. Es war nicht viel Leben an diesem Dienstag vor der Endstation der Straßenbahn.

Jan ging auf den Eingang der Bank zu. Sein Herz klopfte bis zu Hals. Er hoffte nur, man möge ihm seine Aufregung nicht ansehen.

Er betrat den Schalterraum von der linken Seite, weil dort auch der einzige Auszahlungsschalter war. So konnte er nicht direkt gesehen werden, wie er sich blitzartig die Strumpfmaske über das Gesicht zog und den Hut in die Stirn schob. Mit zwei Schritten stand er vor dem Schalter und hielt dem Kassierer die Pistole vor. Wortlos reichte er ihm die Plastiktüte mit dem Gemüsebild und als der Kassierer nicht sofort reagierte, klopfte er mit der Walter PP hörbar erst auf den hölzernen Tresen und dann vernehmlich auch gegen die Glasscheibe. Dann erinnerte er sich an das einzige russische Wort, das er von Russlanddeutschen mitbekommen hatte:

Dawei, dawei!!“

Dabei merkte Jan, dass sein Magen-Darmtrakt rebellierte. Solche Angstpartien war der Verdauungsapparat nicht gewohnt. Er versuchte, die Erleichterung zu unterdrücken, aber es half alles nichts. Es ging in die Hose. 

Der Kassierer reichte ihm die Tüte vollgepfropft mit Scheinen zurück und Jan war mit wenigen Schritten wieder im Freien. Kaum eineinhalb Minuten waren vergangen. Er gab Werner ein Zeichen, das er gehen könne und machte einen kleinen Umweg  zu der Bank, auf der Dieter saß. Werner hatte immer mit dem Rücken zur Bank gestanden und ging nun einfach vorwärts zum Tor aus Schmiedeeisen am Friedhof . Den Umweg zu Dieter ließ er aus und ging grade auf den Eingang zum Friedhof mit dem Ziel Innenstadt. Inzwischen hatte Jan die Plastiktüte mit dem geraubten Geld, der Pistole und seinen Hut in die Aktentasche bei Dieter gesteckt und ging auch über den Friedhof nach Hause.

Als die Straßenbahn an der Haltestelle hielt, kam auch ein Polizeifahrzeug angefahren. Einige der Halbwüchsige fuhren mit BMX Rädern immer noch wild und mit Ratschen lärmend um das Rondell vor dem Friedhof und als die Polizei kam rasten sie wie auf der Flucht davon. Wahrscheinlich war nicht alles an ihren Rädern verkehrsgerecht.

Dieter stieg in die Bahn in Richtung Innenstadt und dann kam auch die andere Bahn aus Richtung Zentrum, deren Besatzung hier Pause machte.

Alles schien, als ob nichts geschehen wäre, aber dann hielt ein Streifenwagen vor der Bank und 2 Beamte stiegen eilig die Stufen in den Schalterraum hinauf. Der Kassierer stand immer noch ganz perplex hinter seiner Scheibe:

Haben Sie den Alarm ausgelöst?“ Einer der Beamten fragte dies an den Kassierer gewendet.

Der Autor dieser Warnmeldung hat wohl nicht alles verstanden….

Ja, stellen Sie sich vor: Diese Filiale sollte sowieso geschlossen werden. Sie hat keine modernen Sicherheitskriterien und der Eingang ist nicht behinderten gerecht. Und nun kommt noch kurz vor der Schließung so etwas. Ein Überfall! „

Pech gehabt“, meinte der Beamte, „die Kripo ist schon allarmiert. Können Sie uns einen Tipp geben. Haben Sie den oder die Täter erkannt, können sie ihn beschreiben oder einen von ihnen. Ist ihnen etwas Besonderes aufgefallen, dass wir uns schon mal auf dem Rückweg umschauen können.?“

„Es war nur ein Räuber. Ehrlich gesagt, ich habe vor Schreck gar nicht so genau auf den Kerl geschaut, nur auf die Pistole. Er war normal groß, vielleicht einen Meter und fünfundsiebzig oder eins achtzig. Er hatte einen Hut auf, weit ins Gesicht geschoben und mächtig breite Schultern. Vor dem Gesicht hatte er eine Strumpfmaske.“

Und was ist gestohlen worden, wie viel Geld hat er bekommen?“ Das wäre ja auch noch interessant zu wissen, meinte der Beamte.

Der Kassierer lächelte ein wenig: „ Ich habe nur die kleinen Scheine rausgegeben. Es waren Fünfer und Zehner, wenige Zwanziger. Das hat fast die ganze Plastiktüte gefüllt. Es kann aber nicht allzu viel gewesen sein. Als er sah, dass die Tüte voll war, hat er sie genommen und ist umgedreht und abgegangen.“ Nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: „ Als er sich umdrehte roch es unangenehm, als sei er in einen Hundehaufen getreten. Darf ich den Geldtransporter anrufen, damit er später kommt, ich muss erst zählen, wieviel Verlust wir haben?“

Das gestatteten die Polizisten. Die Beamten nahmen das Gesprochene auf für spätere schriftliche Protokolle.  Dann ließen sie den Kassierer allein. Auf der Rückfahrt zur Wache schauten Sie nach einem muskulösen Menschen mit Hut. Sie konnten keinen finden.

Als bei der Kripo der Alarm von Wagen 3 der Polizeidienststelle einging schickte man ein Pärchen Kripo zum Friedhof in die Bank. Es waren dies KK Heinz Jensen und Aysha Uluyurt. Sie war eine tüchtige Kriminalbeamtin mit kurdischen Vorfahren. Daher der ungewöhnliche Name.

Heinz Jensen fragte den Kassierer als erstes nach seinem Namen und wie lange er denn bei dieser Bank beschäftigt sei. Die Kollegin stellte sich vor den Eingang, um den kompletten Bereich bis zur Ankunft der Spurensicherung abzusperren. Der Kassierer antwortete auf die Frage von Jensen:

Mein Name ist Peter Wagner. Gleich nach dem Abitur fing ich bei einer Bank eine Lehre an und wechselte ein einziges Mal zu dieser Ring-Bank. Es sind jetzt einunddreißig Jahre, die ich hier arbeite. Die letzten fünf Jahre bin ich Filialleiter an dieser Zweigstelle gewesen. Dass so etwas noch vor meiner Pensionierung passieren muss, hätte ich nie gedacht.“

Jensen, der sein Diktiergerät angeschaltet hatte, drückte auf Pause. Von außen hörte man eine erregte Unterhaltung. Frau Uluyurt sprach anscheinend mit einer Dame, die den Kassenraum betreten wollte.

Sie können hier leider nicht rein, es ist eine polizeiliche Untersuchung in Gang. Bitte benutzen sie eine andere Filiale.“

Das geht nicht,“ antwortete die andere Frau, „ich arbeite hier. Mein Name ist Edith Kernig. Mein Kollege dort ist Herr Wagner. Der kann das bestätigen.“

Jensen ging vor die Tür und sagte zu Frau Kernig indem er seinen Ausweis zeigte: „Bitte nehmen Sie einen Augenblick Platz drüben bei der Haltestelle. Wir beeilen uns wirklich, aber auch Sie möchten sicherlich wissen, welch Täter es war.“

Frau Kernig schaute verdutzt und auch ein wenig ängstlich: „Was ist passiert, wie geht es Peter?“

Ihrem Kollegen geht es gut. Es hat ein Raubüberfall stattgefunden.“ Jensen wendete sich wieder nach innen, um seine Befragung fortzusetzen. Nachdem er das Diktiergerät wieder eingeschaltet hatte bat er Peter Wagner, ihm den genauen Hergang zu schildern. Dieser fing auch sofort an.

Genau um fünf nach acht Uhr stand plötzlich ein Mann vor dem Schalter mit einer Pistole und sagte nur wei wei oder da da.“

Wieso wissen Sie die Uhrzeit so genau?“ fragte Jensen dazwischen.

Ich habe auf meine Kollegin gewartet, die Frau Kern, Edith, und dabei habe ich öfter auf die Uhr geschaut als sonst. Ich muss gestehen, ich war sehr erschrocken und als ich nicht gleich reagierte auf das dadaweiwei oder so, schlug der Täter mit seiner Pistole auf den Tresen und klopfte auch gegen die Scheibe. Er reichte mir eine Plastiktüte mit einem grünen Bild und drohte weiter mit der Pistole. Es war bestimmt keine Plastik- oder Spielpistole.“

Hat der Täter etwas angefasst hier im Raum. Die Tür geht ja leider automatisch.“ Jensen musste das noch einmal fragen. Währen der Kassierer die komplette Geschichte aus seiner Sicht erzählte, kamen 2 Leute von der Spurensicherung und fotografierten und suchten nach Textilfäden, Spuren von Schuhen oder sonst irgendetwas, was auf den Täter zurückzuführen wäre. Sie fanden leider nichts. So blieben Fotos vom Tatort die einzigen Unterlagen für die Ermittlungsakten.

Die Frau Edith Kernig wurde hereingerufen und Peter Wagner fragte als erstes, warum sie sich denn verspätet hätte.

Es war ein Unfall und Sperrung an der Kreuzung Stresemannstraße. Daher konnte ich nur zu Fuß über den Friedhof kommen. Tut mir leid.“ Einen zerknirschten Eindruck machte Frau Kernig aber nicht, eher sah es aus, als würde die Neugierde bei ihr überwiegen.

Jensen wandte sich noch einmal an den Kassierer und fragte: „Außer Maske und Hut, breite Schultern und die komischen Worte, ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen an dem Täter?“

Wagner dachte kurz nach, dann sagte er: „Wenn ich genau überlege, dann roch es so komisch beim Abgang des Mannes.“

Jensen, der grade wieder auf „Pause“ auf dem Diktiergerät drücken wollte, ließ es und fragte nach: „Können Sie den Geruch beschreiben, wonach könnte es gerochen haben?“

Es ist möglich, dass der Täter in einen Hundehaufen getreten war, aber ich habe nichts auf dem Fußboden sehen können. Ich habe das auch erst bemerkt, als er sich umgedreht hatte, um weg zu gehen. Und dann…“, er stockte in seiner Erzählung und fuhr nach einer kleine Pause fort: „Ich weiß ja nicht, ob es wichtig ist. Aber während der ganzen Zeit machten die Halbstarken auf ihren Fahrrädern Lärm auf der Straße.“

„Könnte das einer von denen gewesen sein? Wie alt schätzen Sie den Täter?“

„Das ist fast unmöglich zu beantworten. Sein Gesicht konnte ich nicht sehen und seine Stimme bei dem „Wei, wei“ klang eher leicht belegt. Er könnte Schnupfen gehabt haben.“

Na gut, schauen wir mal, ob das relevant sein könnte. Nun zu Ihnen Frau Kernig. Sie sind auch schon länger bei der Ring-Bank?“

Ja, ich arbeite schon drei Jahre mit Peter Wagner zusammen. Oder bei ihm in dieser Filiale“, verbesserte sie sich.

Haben Sie einen Mann mit Hut und Plastiktasche gesehen bei Ihrem Gang über den Friedhof“

Es kamen mir mehrere Männer entgehen und einer überholte mich auch in Richtung Bank. Keiner hatte einen Hut auf, entweder hatten sie keine Kopfbedeckung oder warten Sie, zwei hatten eine Kappe auf. So genau habe ich aber nicht darauf geachtet, weil ich ja möglichst wenig Zeit verlieren wollte, um zur Arbeit zu kommen. Es schien aber keiner besonders eilig zu haben, außer dem einen, der mich überholt hatte. “

Jensen meinte, er habe jetzt alles soweit eruiert und die Filiale könne wieder geöffnet werden; natürlich nachdem der Schaden genau beziffert worden ist. Zu Aysha gewandt meinte er: „Wir können ja noch einmal Passanten an der Haltestelle befragen, aber viel Hoffnung mach ich mir da auch nicht.“

Beide gingen hinüber zu der Haltestelle und dort standen ein älteres Paar und unterhielt sich in gedämpften Ton.

Guten Tag“, sagte Aysha, „Haben Sie etwas Besonderes gesehen, seit Sie hier stehen?“

Nein, ich nicht“, meinte der Herr, „was würde Sie denn interessieren?“

Jensen mischte sich ein: „Zum Beispiel Leute, die sich auffällig benehmen, wegfahrende Autos mit lautem Motor oder gar schlüpfenden Reifen.“

Ist dir sowas aufgefallen?“ fragte der Passant seine Gefährtin.

Nein“, antwortete diese an Aysha gewandt, „wir haben nur das Grab unserer Tochter besucht und geordnet. Wir waren die meiste Zeit auf dem Friedhof und sind grade eben erst hier angekommen.“

Jetzt  hielt eine Straßenbahn in Richtung Innenstadt und die Dame fügte noch hinzu: „Da kommt jetzt unseren Bahn. Tut uns leid, wenn wir Ihnen nicht helfen konnten. „ Dann stieg sie mit ihrem Begleiter in die Bahn.

Auf der Wache im Büro angekommen bekam Heinz Jensen noch einen Anruf. Der Techniker der Bank hatte die Videoüberwachung ausgewertet. Es sei wohl ein Einzeltäter gewesen. Man habe keine Aufnahmen von weiteren Leuten sehen können. Das entsprechende Band werde man morgen auf der Wache abgeben lassen. 

Tja, Aysha, außer Spesen nichts gewesen!“ Sagte Heiz Jensen resigniert. 

Es geht weiter. Hier Aber Hallo!

 

 

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