11. Stremel: Mobilität für einen “guten Zweck?”

11. Stremel: Im Hühnerstall Motorrad…

Nein, es war nicht die Oma und auch kein Motorrad. Es war ein E-Bike welches Jan und Dieter aus der Heinrichstraße abholen wollten. Aber fangen wir am Vormittag an. Da wollte Werner ja ins Theater und mit seinem Laptop einen Lageplan des Baumarktes ausdrucken. Beim Frühstück im Altersheim hatte sich Dieter neben Oma Elke gesetzt. Die war eine über achtzigjährige rüstige ehemalige Schneiderin. Dieter unterhielt sich gerne mit ihr, weil beide über einen ähnlichen Wortschatz verfügten. Dabei muss man die speziell beruflichen Vokabeln natürlich ausnehmen.

Guten Morgen Dieter. Sag mal, was machst du eigentlich so den ganzen Tag? Du gehst ja oft spazieren trotz deinen Schmerzen im Bein.“

Um Antwort war Dieter nicht verlegen: „Der Doktor hat mir doch geraten, möglichst viel spazieren zu gehen. Dadurch könnten die Schmerzen nachlassen. Besser wäre noch Radfahren hat er gemeint.“

Elke war ganz erstaunt: „Dann müssten die Schmerzen doch bald ganz weg sein, wenn du so oft aus dem Haus bist.“

Ganz weg werden sie wohl nicht mehr sein. Abends sind sie aber wesentlich weniger als morgens wenn ich aufstehe.“ Plötzlich wechselte Elke ganz abrupt das Thema: „Meine Kinder sind jetzt schon einen ganzen Monat nicht mehr zu Besuch gekommen. Ich hoffe, da ist niemand krank. Was sollen dann bloß deren Kinder, meine Enkelkinder machen. Ich mach mir richtig Sorgen.“

Haben die denn auch nicht einmal telefoniert oder einen Gruß bestellen lassen durch das Personal?“

Nee, die haben einmal gesagt, dass sie in Urlaub nach Spaniern wollten, aber das ist doch schon so lange her.“ Elke war den Tränen nahe.

Dieter konnte sie aber beruhigen: „Aber Elke, du hast mir erst letzte Woche erzählt, dass deine Kinder verreisen und die nächsten 14 Tage dich nicht besuchen werden.“

Vorige Woche erst?“ Elke war ganz erstaunt. In ihrem alten Geist machte sich ein wenig Vergesslichkeit breit. Das merkte sie auch im Alltag im Heim. Wenn sie nicht von einer Pflegekraft abgeholt wurde, musste sie immer öfter nach dem Weg in den Gemeinschaftsraum fragen. Solche Beobachtungen erfüllten Dieter mit großer Sorge. Was wenn ihm oder einem seiner beiden Kumpanen ein ähnliches Schicksal drohte. Dann wäre das gewohnte Leben – so unbequem es auch sein mochte – nach und nach vorbei. Das wäre dann unumkehrbar, endgültig.

Warum kommen deine Kinder dich nicht besuchen?“ Elke fragte das in Dieters Gedankengang hinein und riss ihn damit in die Gegenwart zurück.

Mein einziger Sohn ist mit seiner Frau ausgewandert nach Argentinien. Sie kommen nur alle zwei Jahre nach Deutschland. So viel Geld haben sie auch nicht. Sie bezahlen ja auch das Heim hier für mich.“

Ach du meine Güte, das hört sich ja ganz weit weg an. Nein, wie schrecklich.“ So etwas konnte sich Elke gar nicht vorstellen. „Dann bist du sicher auch sehr einsam, Dieter.“

Na, ja, ich komme damit klar. Ich treffe auf meinen Spaziergängen auch oft Bekannte von früher.“ Da war Dieter wieder ganz vorsichtig mit seinen Äußerungen. Von Oma Elke würde jeder alles erfahren, was er nur fragte.

Ich darf ja nicht mehr in die Stadt gehen. Die Heimleitung meint, ich finde nicht mehr zurück. Aber hier im Garten gehe gerne mal spazieren. Kannst ja mal mitkommen, Dieter.“

Das machen wir mal. Wir warten mal schönes Wetter ab und dann schauen wir uns gemeinsam den Garten an.“ Dieter wusste, dass daraus wohl kam etwas werden würde, aber warum sollte er Elke enttäuschen.

Wir können ja gleich nach dem Frühstück ein wenig herumspazieren. Es regnet ja nicht, auch wenn nicht grade Sonnenschein ist.“ Elke ließ nicht locker.

Ja, machen wir“, sagte Dieter und fuhr fort: „Wir treffen uns dann in einer halben Stunde im Hauptflur.“ Damit wusste er, dass er wieder den ganzen Vormittag frei spazieren gehen konnte, weil Elke weder die Uhrzeit, noch den Treffpunkt einhalten würde. Wahrscheinlich hatte sie alles vergessen, sobald sie vom Tisch aufgestanden war.

Nachdem Elke aufgestanden und gegangen war, setzte sich Dieter kurz an den Tisch zu Werner.

Heute Nachmittag werden wir uns ja kaum sehen.“ So begann Dieter die Unterhaltung in gedämpften Ton.

Steuereinbruch?
Hat da einer alle Steuern geklaut oder ist es der Finanzminister selber

Nein“, meinte Werner. „Wir besprechen alles morgen Nachmittag. Vergesst nicht, ein wenig Korn oder Wodka einzukaufen. Es redet sich besser dabei.“ Mit diesem Spott wollte er sich ein wenig über Dieter lustig machen, dessen Liebe zu alkoholischen Getränken zwar nicht exzessiv, aber doch ausgeprägt war. Nach einer kleinen Denkpause für Dieter fügte er hinzu: „Ich mache mich gleich auf den Weg zum Theater. Wir haben das ja gestern besprochen.“

Na gut, dann bis morgen. Ich guck jetzt mal in den Hauptflur, ob Oma Elke tatsächlich unseren Termin vergessen hat.“ Damit machte er sich auf den Weg.

Werner stand auch auf und holte aus seinem Zimmer den Laptop. Sein kleines Zimmer nannte er immer ironisch Zelle wenn jemand ihn darauf ansprach. Ja sicher war es nicht luxuriös oder riesengroß, es bewahrte aber ein wenig Privatleben.

Werner machte sich danach direkt auf den Weg zum Theater.

Hallo Werner, kommst du jetzt öfter?“ Fritz, der Pförtner war nicht wenig überrascht.

Buenos dias, Fritz! Ja, ich bin wieder da mit einer geheimen Mission.“ Werner musste wieder ein wenig mit seinen Sprachkenntnissen angeben.

Eine geheime Mission? Erzähl mal!“

Nun ja, dir kann ich es ja erzählen. Du behältst nichts für dich. Das ist bekannt.“ Werner spottete wieder einmal ohne Rücksicht auf Gefühle anderer. Dass der Fritz aber besser informieren konnte als das Tageblatt war im ganzen Theaterbau bekannt. „Also ich möchte mir aus dem Internet eine Straßenkarte auf meinen Laptop laden. Zu Haus in meiner Zelle geht das nicht. Ist die Else eigentlich schon da, oder ist jemand im Büro?“

Fritz schien keineswegs beleidigt. Er wusste, dass viele Künstler auf seine Informationen Wert legten und antwortete auch sofort: „Frau Jürgensen ist im Büro und macht die Abrechnungen für Gagen, Gehälter und Löhne. Else habe ich heute noch nicht gesehen.“

Ok, vielen Dank Fritz. Ich hoffe, ich kann das eines Tages mal wieder gut machen. Bis dahin: Pour l`amour de Dieu, oder wie die Bayern sagen würden: Vergelt`s Gott!“

Davon habe ich schon ausreichend, aber trotzdem viel Erfolg bei Frau Jürgensen.“

Damit ging Werner die Treppen ins Nebengebäude hinauf ins Büro. Auf sein Klopfen an der Tür antwortete eine Frauenstimme mit Herein bitte. Nach dem Öffnen der Tür sah Werner die eine Dame vor einem PC die anscheinend Zahlenkolonnen in eine Datenbank eintippte. Sie sah nur kurz auf und fragte dann: „Ah, guten Tag Herr van Straaten. Wir haben von der Intendanz noch keinen Bescheid, wann wir sie wieder einsetzen können. Was kann ich sonst für Sie tun?“ Frau Jürgensen wollte gerne ihre Arbeit weitermachen, das war erkennbar.

Werner musste sein Anliegen am besten in einen kurzen Satz fassen, um die Geduld der Frau nicht zu strapazieren. „Ich würde mir gerne einen Stadtplan aus dem Internet herunterladen. Wenn ich einen Augenblick die Kennung für Ihr Wlan bekommen könnte, lasse ich Sie komplett in Ruhe.“

Wortlos griff Frau Jürgensen in eine der Schubladen in ihrem Schreibtisch und gab Werner ein Blatt DIN A4 Papier mit nur einer Zeile. Es war eine ellenlange Zahl, die als Schlüssel für das hauseigene Internet einzuspeichern war. „Bitte löschen Sie das wieder, wenn Sie fertig sind.“

Das mache ich selbstverständlich. Vielen Dank, Frau Jürgensen.“ Werner ging in den Flur, wo er den Drucker gesehen hatte. Dann schaltete er das Wlan seines Laptops ein und gab die lange Kennung ein. Als er im lokalen Netz des Büros war, suchte er in diesem Netz nach einem Drucker. Er fand ihn schließlich als Multifunktionsgerät und installierte den geforderten Treiber. Den Plan des Baumarktes druckte er drei mal und einmal eine Seite mit Stadtplan. Diese Seite brachte er offen mit ins Büro, wo er das DIN A4 Blatt mit der Wlan Kennung wieder zurückbrachte und die Dame einen kurzen Blick auf den Stadtplan werfen ließ. Dann verabschiedete er sich mit vielen Dank.

Auch beim Pförtner zeigte er wohlweislich nur den Zettel mit dem Stadtplan. Die Satellitenfotos behielt er in seiner Brusttasche. „Auf Wiedersehen Fritz“, sagte Werner dieses Mal auf Hochdeutsch und schlenderte wieder zurück in sein Zimmer. Dort musterte er die Aufnahme des Parkplatzes sehr genau und mit einem lauten Aha, konnte sich im Stillen schon einen Plan zurecht legen. Das würde er mit den Kollegen diskutieren.

In seiner Wohnung kämpfte Jan mit einem Luxusproblem. Er hatte noch eine Blechdose mit der Aufschrift: Herzhafter Grünkohleintopf im Schrank. Sollte er den verzehren oder einfach mal in die Budapester Alle spazieren und an der Pommesbude eine Currywurst genießen. Dann vielleicht noch ein Weizenbier? Aber nein, das ging heute nicht. Er konnte nicht mit einer Bierfahne in den Fahrradladen und ein E-Bike kaufen. Also her mit dem Grünkohl und der Abwasch war ja auch nicht schlimmer, als den Pappteller von der Currywurst in den Papierkorb zu werfen. Nach seinem Mahl schaute er im Fernseher noch die Nachrichten und sammelte dann schon alles zusammen, was er heute mitnehmen musste: Einen Ausweis, seinen Führerschein, das Geld für das Rad und vielleicht einen Anorak mit Kapuze. Man wusste ja nicht, wie lange der Baumarkt offen blieb. Abends konnte es schon ganz schön frisch werden. Auch bei einer flotten Fahrt auf dem E-Bike kann der Fahrtwind kühlen.

Alles lag parat als Dieter herein gehumpelt kam. Sie machten sich auf, den Fahrrad- Händler zu besuchen. Dabei waren beide seltsam still, als gäbe es nichts mehr zu besprechen. Dieter grübelte ein wenig darüber ob er wohl mit dem Ding zurecht käme. Ob seine Reaktionen schnell genug wären für den Verkehr in einer Stadt. Er freute sich schon darauf, auch entlegene Orte besuchen zu können. Für einige Fleckchen Erde war die öffentlichen Verkehrsmittel zu teuer für ihn und zu Fuß einfach zu mühselig. Auch Jan machte sich seine Gedanken über das neue Abenteuer. Was würde bei dem Baumarkt Job herauskommen. Was würde passieren, wenn sie von der Polizei geschnappt würden. Wenn er nach drei oder vier Jahren aus dem Gefängnis entlassen würde, wo sollte er noch eine Wohnung bekommen. Angst und Unsicherheit wollten sich einfach nicht unterdrücken lassen.

Der Händler in der Heinrichstraße kannte Dieter ja schon. Als er erfuhr, dass Jan seine Personalien für den Eintrag im Kaufvertrag und für die Versicherung abgeben wollte musterte er Jan von oben bis unten wie ein Metzger, der einen Bullen töten will. So fühlte es sich für Jan Daballer jedenfalls an. Er sah einen anscheinend vollkommen mobilen Menschen, mit einfacher Kleidung, sauberen Schuhen. Die Schuhe musterte er genauer und es schien ein Paar vom Kaufhaus zu sein. Ein billiges Sonderangebot taxierte er. So schätzte er die Bonität des Herrn Daballer ähnlich prekär ein wie die vom Dieter. Diesen fragte er aber dann doch: „Warum wollen Sie das E-bike nicht auf Ihren Namen zulassen?“

Hier konnte aber Dieter sofort Auskunft geben: „In meiner Stadtwohnung habe ich keinen sicheren Abstellraum. Daher habe ich einen Freund gebeten, seinen Namen zu verwenden.“

Gut, das ist im Grunde auch egal, ich muss dann nur noch den Kaufvertrag umschreiben. Wenn die Herren einen Augenblick Platz nehmen wollen..“

Während er sich im Stillen ärgerte dass er das Rad so billig verkauft hatte, bat er die beiden in sein Büro. Aus einem Papierstapel zog er zwei Blätter hervor, die er dann ausfüllte mit dem Namen und der Anschrift von Jan.

So, Herr Daballer, wenn Sie jetzt hier unterschreiben möchten. Es ist einmal der Kaufvertrag und einmal die Pflichtversicherung. Hat einer der Herren überhaupt einen Führerschein?“

Wir haben beide einen älteren mit Klasse 3. Wir haben bei Fahrpraxis auf diversen PKW!“ Während Jan das sagte, fummelten beide in ihren Jackentaschen herum, um die Dokumente heraus zu holen.

Ich brauche nur den Führerschein des Käufers, der hat ja sozusagen den Hut auf und muss auch den Vertrag unterschreiben.“ Der Händler setzte einen wichtigen Ton in seine Stimme.

Jan wollte aber noch etwas wissen: „Eine Frage zu dem Akku hätte ich noch: Kann man den abnehmen und in der Wohnung laden? Und dann würde mich noch interessieren wie schwer das Fahrzeug ist.“

Der Verkäufer begann das Gerät mit Worten zu vergolden: „Sie bekommen hier ein Super Gerät der Spitzenklasse. Es wiegt nur 27 kg und hat einen Akku und ein Ladegerät von Bosch. Damit sind sie immer auf der sicheren Seite. 50 km Strecke schaffen sie immer, auch bei Gegenwind. Sollte der Akku im Laufe der Zeit einmal nachlassen, dann garantiert der Herstelle 10 Jahre Ersatzlieferungen. Auch die Größe passt für den Herrn Daballer wunderbar. Leute bis 185 cm Größe können gefahrlos mit dem Rad fahren.“

Ich bin nur einsachtundsiebzig“, murmelte Jan.

Ja, sehen Sie, das passt doch genau. Das Rad kann bis zu einhundertsiebzig Kilo tragen. Wenn ich Ihre schlanke Statur sehe, dann könnte sogar die Frau Gemahlin noch auf einem zweiten Sattel mitfahren. Den müssten Sie allerdings auch bei uns kaufen und anbauen lassen.“

Jan hörte die letzten Ausführungen noch noch im Unterbewusstsein. Er dachte an die siebenundzwanzig Kilo, die er die Treppen hoch das Rad tragen müsste. Es schien aber durchaus nicht unmöglich, wo man doch den schweren Akku auch noch abnehmen konnte. Dann hörte er Dieter sagen:

Nun unterschreibe schon, damit wir weiter kommen!“ Jan nahm den dargebotenen Kugelschreiber und setzte unter 2 Verträge seinen Namenszug, ohne das Kleingedruckte gelesen zu haben. In dem einen Vertrag hatte er gelesen: Verkauft wie gesehen und bei Versicherungen hat man immer schlechte Karten. Da nützt es auch nichts, wenn man das Kleingedruckte liest.

10. Stremel: Für jeden zwei Überraschungen

So Leute, jetzt habe ich aber deutlich Bescheid bekommen: Mache deine Sätze kürzer. Der Text ist leichter zu lesen und zu übersetzen. Ich gebe mir jetzt Mühe. Wenn Werner aber seine Literatur Zitate rauslässt, dann schimpft bitte nicht auf mich. Ich bin schließlich nur der Botschafter, die Emittenten sind die Herren Klassiker oder die kopfgesteuerten Politiker.

P. S. Zur Auflockerung könnte man mal wieder eine alte Geschichte vom mir lesen: https://blog.topteam-web.de/?s=von+der+Maas

An diesem Nachmittag kamen kamen die Freunde wieder wie üblich in der Wohnung von Jan zusammen. Dieses Mal hatte wohl jeder einen Neuigkeit zu berichten. Werner begann mit seinem Besuch beim Theater ALADIN.

Der Intendant will die Oper Carmen aufführen. Else, eine Bekannte von mir, will sich bei ihm einsetzen, damit ich eine Statistenrolle bekomme. Da gibt es wieder ein paar Euros extra! Für uns alle natürlich!“ Das fügte er noch als Nachsatz hinzu.

Ja, musst du denn auch bei vielen Proben mitmachen und hast kaum Zeit für deine Freunde?“, wollte Jan wissen.

Der Spielplan beginnt erst in der  letzten Novemberwoche  und geht über Weihnachten bis ins neue Jahr. So schlimm wird es nicht und die Proben belegen oft  nur die Vormittage. Am Abend ist meistens schon eine andere Vorstellung angesetzt und so werde ich immer Zeit erübrigen können, um mit euch zu diskutieren. Natürlich kann ich auch bei irgendetwas mitmachen….“

Dieter schien erleichtert zu sein. Jan aber hing anderen Gedanken nach: Wenn die Polizei gestern bei ihm nur als Vorwand den Ärger mit Doro hatte aufklären wollen? Es war ihm nicht entgangen, wie die beiden Beamten, sich in seinem Wohn- Schlaf- Küchenzimmer umgeschaut hatten. Hatte die Polizei eine Spur zu ihm verfolgt? War irgendjemand verhaftet worden und hatte seinen Namen genannt? Dann fiel ihm ein, dass er ja überhaupt keinen Ärger mit seiner Verdauung gehabt hatte. Das schien ihm ein gutes Zeichen zu sein.

Dann kam Dieter mit einer Überraschung heraus.

Ich war heute Vormittag mit der Linie 12 in die Heinrichstraße zu dem Fahrradgeschäft gefahren. Dort bin ich extra auffällig rein gehumpelt. Dann kam ein Verkäufer angelaufen. Er fragte mich, was ich wolle. Ich habe ihm erklärt, dass ich gehbehindert sei und ein motorisiertes Fahrrad möchte. Ich könne aber nicht viel ausgeben, weil ich ganz wenig Rente habe.“

Werner konnte sich eine Bemerkung nicht verkneifen: „Ganz schön gerissen, aber es ja nichts als die Wahrheit, die reine Wahrheit und nichts hinzugefügt…So zusagen, so zitiert. “

Nee, hab ich nicht. Konnte ich gar nicht. Der Verkäufer lief gleich zum Chef. Der Chef kam und sah mich von oben bis unten an. Dann fragte er, wie viel ich denn als Preisvorschlag hätte.“

Werner war sehr gespannt: „Und was hast Du gesagt, du hattest doch praktisch nichts.“

Zur Sicherheit habe ich erst mal gesagt, zweihundert Euro könnte ich aufbringen. Darauf meinte er, so ein Ding dürfe er mir nicht verkaufen, es sei nicht verkehrssicher. 800 Euro sei die absolute Grenze. Das ist schade, habe ich gesagt, jetzt muss ich hier wieder heraus humpeln. Sozusagen ohne Erlösung von meiner Behinderung. Ich drehte mich schon um und wollte auf den Ausgang zugehen, da rief er noch einmal. Mein Herr, ich habe ein eigenes E-Bike. Das ist ein Jahr alt. Das hat fast drei Tausend Euro gekostet. Eigentlich wollte ich dafür noch fünfzehn hundert Euro haben. Weil Sie es sind gebe ich es für die Hälfte.“

Das sind immer noch siebenhundert und fünfzig Euro.“ gab Jan zu bedenken.

Ich meine, wir haben noch so viel. Dann habe ich gesagt, ich könne nur zustimmen, wenn dann auch noch ein Helm dabei sei. Dann waren wir uns einig. Wenn wir morgen bis drei Uhr dort sind, können wir das Ding abholen.“

Also Dieter! Ich muss mich bei dir entschuldigen. So einen gewieften Handel hätte ich dir nie zugetraut. Das grenzt schon an Genialität.“ Werner war voll Bewunderung.

Ich weiß nicht recht, ob ich mich bei dir bedanken soll. Du bist so raffiniert mit der Sprache, dass man sich immer unterlegten fühlt.“ Dieter war sehr vorsichtig und fühlte sich oft hintergangen. Bei Werner musste man aber auch aufpassen. Wenn er sich jetzt bei Dieter entschuldigen wollte, was musste er für schlimme Gedanken über ihn verschwendet haben.

Jetzt meinte Jan, er müsse auch seine Story loswerden: „Ich denke, ich hole mal unsere 3 Tassen und die Flasche Wodka. Keine leichte Kost, die ich heute gegen Uhr erlebt habe.“ Damit machte sich Jan am Küchenhängeschrank zu schaffen und Dieter erzählte, dass er das Handeln im Knoblauchbunker erlernt habe. Das sei kein Bunker gewesen, sondern ein Hochhaus, ein Wohnheim für ledige Männer. In der Mehrzahl hätten dort Türken und Araber gewohnt, die mit viel Knoblauch ihre Mahlzeiten zubereitet hätten. Das komplette Treppenhaus hätte immer nach diesem Gewürz gerochen. Es seien überaus nette Menschen gewesen. Abends hätten sie oft miteinander gesprochen bei Erdnüssen und Selters. Die meisten hätten keinen Alkohol getrunken, aber bei denen hätte er handeln gelernt. Er wurde oft mitgenommen auf einschlägige Basare und auch in Ankauf- Verkauf Geschäfte und auf Flohmärkte . Mit dieser Fähigkeit ausgerüstet habe er im späteren Leben den Leuten schon allerhand zu danken gehabt.

Ja, Leute, bei mir war heute die Polizei!“ Damit stellte Jan die Flasche und drei Tassen auf den Tisch. Obwohl er nicht besonders laut gesprochen hatte, bremste er Dieters Redeschwall damit wie auf Knopfdruck. Als erster fing Dieter sich aber wieder und fragte ganz folgerichtig: „Was wollten die denn?“

Ihr werdet es nicht glauben, aber die haben nach Frau Bartsch gefragt, der Wirtin vom goldenen Schellfisch. Die hatte wohl Ärger mit einem Stadtstreicher.“

Werner frage nach: „Vom Bankraub haben sie nichts gesagt?“

Kein Sterbenswort. Als wenn die beiden es gar nicht gewusst haben. Das beruhigt mich aber nicht sehr. Es könnte ja sein, dass das eine Polizeitaktik ist. Zuerst einmal bei dem Verdächtigen umschauen und dann Beweise sammeln. Es waren eine Frau und ein Mann und beide haben sich genau im Zimmer umgesehen.“

Hast Du denn etwas zur Sache aussagen können?“ Nun wollte Werner es genau wissen.

Ich habe nur gesagt, was ich auch gesehen oder vielmehr nicht gesehen habe: Ich habe nicht gesehen, dass Doro den Mann mit dem Kochlöffel geschlagen hat.“

Da scheint mir das Motiv der Polizei aber klar zu sein: Sie wollte den Vorgang mit dem Obdachlosen aufklären. Manchmal glaube ich, dass du dir zu viel Sorgen machst.“

Dieter meldete sich zu Wort: „Das denke ich auch. – Wann bekakeln wir denn den Kauf von unserem Rad? Oder wollen wir es nicht kaufen?“

Auf jeden Fall sehen wir uns das Teil einmal an. Wenn es wirklich so ein Schnäppchen ist wie der Verkäufer sagt, dann dürfen wir uns das nicht entgehen lassen. Am besten ist, du gehst morgen mit Jan dort hin. Dann meldet ihr das Ding auf Jans Namen an und auch die Versicherung geht auf Jan. Er hat die beste Adresse von uns dreien.“ Werner schien schon wieder einen Plan zu haben. „Wenn es wirklich ein E-Bike ist, braucht man Führerschein. Ihr beide habt einen, aber ich müsste noch einen kleinen Roller Führerschein machen. Es ist besser, wenn ich nicht mitkomme, denn man muss uns ja nicht zu dritt in der Öffentlichkeit sehen.“

Das leuchtet mir ein!“ Jan zögerte einen Moment ehe er fortfuhr: „Wäre es dann nicht besser, wenn ich das Ding nach Hause fahre? Ich brauche keine Einweisung und habe Fahrpraxis auf Baggern, Planierraupen, Muldenkippern, Gabelstaplern und Motorrollern. Danach können wir Dieter und auch dir, Werner, Übungen auf einem großen Parkplatz machen lassen. Am besten an einem Sonntag, dann sind die Plätze leer.“

Dieter nippte an seiner Tasse mit Wodka und nickte zustimmend. Dann gab er aber zu bedenken: „Wenn wir das nun alles gründlich erörtert haben, sollten wir uns klarwerden, was wir alles am Baumarkt ausspähen wollen. Sollen wir die Punkte festlegen und aufschreiben, oder ist das zu gefährlich?“

Werner äußerte sich zu Dieter gewandt: „Morgen kaufst du und Jan das Fahrrad. Dann fährst du mit dem Bus zum Übo Markt und Jan fährt mit dem e-Bike. Dann kann er gleich feststellen, ob das Ding was taugt. Jan geht dann in den Baumarkt und schaut wo das Büro sein könnte. Du kannst in der Zeit die äußeren Gegebenheiten anschauen. Wo könnte man sich mit der Beute eine kleine Weile verstecken? Kann man zu Fuß zum Fluss hinunter spazieren. Ist die Bushaltestelle direkt am Markt oder muss man da auch noch laufen?“

Äh, das mit der Bushaltestelle weiß ich. Die ist direkt am Markt, man muss aber über den ganzen großen Parkplatz zum Eingang gehen. Sag mal, können wir nicht beide zusammen in den Baumarkt gehen, oder ich gehe in den Markt und Jan läuft außen herum?“

Jan mischt sich ein: „Also mir ist das egal, wenn es nicht grade in Strömen regnet. Übrigens, was machst du denn in der Zeit wenn wir so fleißig sind, Werner.“

Werner lächelte ein überhebliches, arrogantes Gutsherren Lächeln. „Ich gehe morgen dann noch einmal ins Aladin Theater zu meiner Bekannten. Meinen Laptop nehme ich dann mit.“

Damit konnte selbst Jan nichts anfangen: „Hast du darauf das Kamasutra gespeichert und möchtest es nachspielen?“

Liebe Pfreunde“, Werner sprach das PF in Freunde recht deutlich aus, damit die beiden merkten, dass er sie für Pflaumen hielt. Jan merkte das, Dieter wusste mit dem PF nichts anzufangen. Werner fuhr mit einer ausführlichen Schilderung seiner Absicht fort:

Im Altersheim gibt`s kein Wlan dessen Passwort ich kenne. Else kennt aber das Passwort für das Theater – Wlan. Damit gehe ich ins Internet, zu Google Maps und wenn ich Glück habe, kann ich mir ein Satelliten-Bild von dem Baumarkt und dessen Umgebung ausdrucken. Ich hoffe, dass dann einer im Büro ist, den ich um so einen Ausdruck bitten kann. Leider wird es nur ein Schwarz- Weiß Foto sein.“

Dieter staunte nicht schlecht. Was es alles heute schon gibt, dachte er im Stillen und Jan grinste in sich hinein. Da hab ich mit dem Hinweis auf das Kamasutra seine Überheblichkeit auch ohne Schönheitschirurg aus seinem Gesicht bekommen.

Dann stellte man noch einvernehmlich fest, dass der Wodka zur Neige gehe und man wollte morgen Ersatz besorgen. Das sollte vor der Inspektion des Baumarktes passieren, weil man dort bleiben müsse, bis der Markt schließen würde.

Obwohl die erste Gaunerei so ein klägliches Ergebnis gebracht hatte machte sich eine positive Grundstimmung breit. Das war nicht nur dem wenigen Alkohol geschuldet. In Wirklichkeit war ihre Lage bisher keinen Deut besser geworden. Sie waren finanziell nicht besser gestellt als vorher. Aber sie hatten ein dunkles Geheimnis auf sich geladen.