Volks-Parteien

Herbe Verluste nennt man das, aber Kopf hoch und weiter so. Die „Volks“parteien haben bei der Wahl zum deutschen Bundestag Federn lassen mÜssen, ja man könnte sagen: Sie sind gerupft worden. Allein in S-H hat die SPD 13% verloren, so viel, wie andere Parteien an Prozentpunkten erreicht haben. Wann ist eine „Volks“partei denn noch „Volks“partei?

Ist man schon mit mehr als 10% Wähler Anteil „Volks“partei? Geht es erst mit 20% los? Wo ist die Grenze? Ist etwa die Hürde von 5% schon ausreichend, dass man gleichzeitig mit dem Einzug in den Bundestag auch „Volks“partei ist? Wir können ja mal in das Video horchen, was die Vorsitzende einer „Volks“partei dazu zu sagen haben, aber wie immer bei Politikern: Glauben Sie nicht was Sie sehen und denken Sie nicht, was sie hören. Zugegeben, diesmal habe ich extrem nachgeholfen.

Um das mal vorauszuschicken: Der Begriff „Volks“- als Vorsilbe fÜr verschiedene Hauptworte tauchte schon um 1900 auf. Er ist keine Erfindung der NS oder der DDR Sozis. Trotzdem ist eine kleine Aufstellung sehr interessant und aufschlußreich und zeigt, in welcher Tradition sich die „Volks“parteien befinden. Literaturhinweis:Macht Geist Wahn. Kontinuitäten deutschen Denkens.
Da gab es z. B. die „Volks“genossen. Das war praktisch jeder Deutsche, den man bei den NS Oberen als solchen akzeptierte. Vom berüchtigten „Volks“gerichtshof wird der eine oder der andere schon gehört haben. Es gab den „Volks“boden und das „Volk“ ohne Raum. Die „Volks“gemeinschaft wurde propagiert und der „Volkische Beobachter“ war eine Zeitung. Hitlers Bewegung war halt die „Völkische Bewegung“.
Die DDR Diktatoren hielten sich an die Tradition. Nicht nur „Volks“historiker wurden bemüht, es gab das „Volks“eigentum, „volks“eigene Betriebe, die „Volkssolidarität, die „Volks“marine, „Volks“armee, „Volks“polizei.Im sozialistischen Lager hießen die Staaten „Volks“republik…, nur Polen konnte auch „Volks“polen sein. Neben dem Volk der DDR gabe es auch das große Sowjetvolk. Und wieder gibt es eine Zeitung „Volksstimme“ oder schlicht „Volkszeitung“ Die Aufzählung stellt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Schauen wir nun auf die Kontinuität der deutschen Geschichte. Die „Volks“parteien waren es doch, die die von Hitler eingerichteten Zwangskammern für Gewerbetreibende und Handwerker nach dem Krieg wieder eingeführt haben. Die Handwerkskammern können heute noch zwangsweise Betriebe nach Lust und Laune mit Polizeigewalt stilllegen lassen, wenn diese nicht den Kriterien entsprechen; also wird da wieder das gesunde „Volks“empfinden eingesetzt? Schließlich werden die Gemeindeverwaltungen, die die schmutzige Arbeit für die Kammern tun müssen, von den „Volks“parteien in ihren Rathäusern kontrolliert.
Bei dem Gekungele mit den Lobbyisten der Großindustrie setzt sich die Tradition fort. Waren es bei Adolf die Rüstungsindustrien und die Pharma, so sind heute einige dazugekommen. Die Musikindustrie, die Softwareindustrie und man kann schon fast von einer Überwachungsindustrie sprechen. Ich denke da vor allem an Siemens mit seiner Geschichte. Heute gibt es ein Unternehmen mit dem treffenden Kürzel NSN (Nokia-Siemens-Network) das mit seiner Software z. B. dem Iran bei der Unterdrückung der Opposition hilft. Diese Software wird zur Datenspeicherung auch gegen deutsche Bürger eingesetzt, das entsprechende Gesetz stammt aus dem Innenministerium unter Herrn Schäuble. Die Musikindustrie oder die Softwareindustrie lassen kostenpflichtige Abmahnungen schreiben, egal ob Schüler oder unbedarfter Opa im Internet etwas falsch gemacht haben. Die Autoren der Schöpfungen mögen auch eine Winzigkeit davon profitieren, den Löwenanteil schlucken (Volks)Anwälte und die (Volks)Industrie, vielleicht noch (Volks)Aktionäre.
Die „Volks“parteien sind seit 1949 für diese Entwicklung verantwortlich.

Mein Auto ist ein „Volks“wagen. Das finde ich völlig in Ordnung, auch wenn ich weiß, wann und von wem das Werk in Wolfsburg aus dem (Voks) Boden gestampft wurde. Ich werde also nicht alles verdammen, was aus dieser Zeit stammt. (Hoffentlich geht es mir jetzt nicht so wie der Eva Herrmann bei Herrn Kerner. Man erkennt immer wieder, auf welch dünnem Eis sich eine Zensur bewegt.
Ich denke nur: Ist es ein Zufall, dass Parteien mit Bürgerrechts Anspruch so viele (Volks)Stimmen erhalten haben?
Von dem Schrott aus der NS Zeit sollten sich die „Volks“parteien endlich trennen und das Internet sollten sie in Ruhe lassen, denn wir brauchen keine neue „Reichskulturkammer“! Wie skandierten die Leipziger so treffend: Wir sind das Volk!

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