10. Stremel: Für jeden zwei Überraschungen

So Leute, jetzt habe ich aber deutlich Bescheid bekommen: Mache deine Sätze kürzer. Der Text ist leichter zu lesen und zu übersetzen. Ich gebe mir jetzt Mühe. Wenn Werner aber seine Literatur Zitate rauslässt, dann schimpft bitte nicht auf mich. Ich bin schließlich nur der Botschafter, die Emittenten sind die Herren Klassiker oder die kopfgesteuerten Politiker.

P. S. Zur Auflockerung könnte man mal wieder eine alte Geschichte vom mir lesen: https://blog.topteam-web.de/?s=von+der+Maas

An diesem Nachmittag kamen kamen die Freunde wieder wie üblich in der Wohnung von Jan zusammen. Dieses Mal hatte wohl jeder einen Neuigkeit zu berichten. Werner begann mit seinem Besuch beim Theater ALADIN.

Der Intendant will die Oper Carmen aufführen. Else, eine Bekannte von mir, will sich bei ihm einsetzen, damit ich eine Statistenrolle bekomme. Da gibt es wieder ein paar Euros extra! Für uns alle natürlich!“ Das fügte er noch als Nachsatz hinzu.

Ja, musst du denn auch bei vielen Proben mitmachen und hast kaum Zeit für deine Freunde?“, wollte Jan wissen.

Der Spielplan beginnt erst in der  letzten Novemberwoche  und geht über Weihnachten bis ins neue Jahr. So schlimm wird es nicht und die Proben belegen oft  nur die Vormittage. Am Abend ist meistens schon eine andere Vorstellung angesetzt und so werde ich immer Zeit erübrigen können, um mit euch zu diskutieren. Natürlich kann ich auch bei irgendetwas mitmachen….“

Dieter schien erleichtert zu sein. Jan aber hing anderen Gedanken nach: Wenn die Polizei gestern bei ihm nur als Vorwand den Ärger mit Doro hatte aufklären wollen? Es war ihm nicht entgangen, wie die beiden Beamten, sich in seinem Wohn- Schlaf- Küchenzimmer umgeschaut hatten. Hatte die Polizei eine Spur zu ihm verfolgt? War irgendjemand verhaftet worden und hatte seinen Namen genannt? Dann fiel ihm ein, dass er ja überhaupt keinen Ärger mit seiner Verdauung gehabt hatte. Das schien ihm ein gutes Zeichen zu sein.

Dann kam Dieter mit einer Überraschung heraus.

Ich war heute Vormittag mit der Linie 12 in die Heinrichstraße zu dem Fahrradgeschäft gefahren. Dort bin ich extra auffällig rein gehumpelt. Dann kam ein Verkäufer angelaufen. Er fragte mich, was ich wolle. Ich habe ihm erklärt, dass ich gehbehindert sei und ein motorisiertes Fahrrad möchte. Ich könne aber nicht viel ausgeben, weil ich ganz wenig Rente habe.“

Werner konnte sich eine Bemerkung nicht verkneifen: „Ganz schön gerissen, aber es ja nichts als die Wahrheit, die reine Wahrheit und nichts hinzugefügt…So zusagen, so zitiert. “

Nee, hab ich nicht. Konnte ich gar nicht. Der Verkäufer lief gleich zum Chef. Der Chef kam und sah mich von oben bis unten an. Dann fragte er, wie viel ich denn als Preisvorschlag hätte.“

Werner war sehr gespannt: „Und was hast Du gesagt, du hattest doch praktisch nichts.“

Zur Sicherheit habe ich erst mal gesagt, zweihundert Euro könnte ich aufbringen. Darauf meinte er, so ein Ding dürfe er mir nicht verkaufen, es sei nicht verkehrssicher. 800 Euro sei die absolute Grenze. Das ist schade, habe ich gesagt, jetzt muss ich hier wieder heraus humpeln. Sozusagen ohne Erlösung von meiner Behinderung. Ich drehte mich schon um und wollte auf den Ausgang zugehen, da rief er noch einmal. Mein Herr, ich habe ein eigenes E-Bike. Das ist ein Jahr alt. Das hat fast drei Tausend Euro gekostet. Eigentlich wollte ich dafür noch fünfzehn hundert Euro haben. Weil Sie es sind gebe ich es für die Hälfte.“

Das sind immer noch siebenhundert und fünfzig Euro.“ gab Jan zu bedenken.

Ich meine, wir haben noch so viel. Dann habe ich gesagt, ich könne nur zustimmen, wenn dann auch noch ein Helm dabei sei. Dann waren wir uns einig. Wenn wir morgen bis drei Uhr dort sind, können wir das Ding abholen.“

Also Dieter! Ich muss mich bei dir entschuldigen. So einen gewieften Handel hätte ich dir nie zugetraut. Das grenzt schon an Genialität.“ Werner war voll Bewunderung.

Ich weiß nicht recht, ob ich mich bei dir bedanken soll. Du bist so raffiniert mit der Sprache, dass man sich immer unterlegten fühlt.“ Dieter war sehr vorsichtig und fühlte sich oft hintergangen. Bei Werner musste man aber auch aufpassen. Wenn er sich jetzt bei Dieter entschuldigen wollte, was musste er für schlimme Gedanken über ihn verschwendet haben.

Jetzt meinte Jan, er müsse auch seine Story loswerden: „Ich denke, ich hole mal unsere 3 Tassen und die Flasche Wodka. Keine leichte Kost, die ich heute gegen Uhr erlebt habe.“ Damit machte sich Jan am Küchenhängeschrank zu schaffen und Dieter erzählte, dass er das Handeln im Knoblauchbunker erlernt habe. Das sei kein Bunker gewesen, sondern ein Hochhaus, ein Wohnheim für ledige Männer. In der Mehrzahl hätten dort Türken und Araber gewohnt, die mit viel Knoblauch ihre Mahlzeiten zubereitet hätten. Das komplette Treppenhaus hätte immer nach diesem Gewürz gerochen. Es seien überaus nette Menschen gewesen. Abends hätten sie oft miteinander gesprochen bei Erdnüssen und Selters. Die meisten hätten keinen Alkohol getrunken, aber bei denen hätte er handeln gelernt. Er wurde oft mitgenommen auf einschlägige Basare und auch in Ankauf- Verkauf Geschäfte und auf Flohmärkte . Mit dieser Fähigkeit ausgerüstet habe er im späteren Leben den Leuten schon allerhand zu danken gehabt.

Ja, Leute, bei mir war heute die Polizei!“ Damit stellte Jan die Flasche und drei Tassen auf den Tisch. Obwohl er nicht besonders laut gesprochen hatte, bremste er Dieters Redeschwall damit wie auf Knopfdruck. Als erster fing Dieter sich aber wieder und fragte ganz folgerichtig: „Was wollten die denn?“

Ihr werdet es nicht glauben, aber die haben nach Frau Bartsch gefragt, der Wirtin vom goldenen Schellfisch. Die hatte wohl Ärger mit einem Stadtstreicher.“

Werner frage nach: „Vom Bankraub haben sie nichts gesagt?“

Kein Sterbenswort. Als wenn die beiden es gar nicht gewusst haben. Das beruhigt mich aber nicht sehr. Es könnte ja sein, dass das eine Polizeitaktik ist. Zuerst einmal bei dem Verdächtigen umschauen und dann Beweise sammeln. Es waren eine Frau und ein Mann und beide haben sich genau im Zimmer umgesehen.“

Hast Du denn etwas zur Sache aussagen können?“ Nun wollte Werner es genau wissen.

Ich habe nur gesagt, was ich auch gesehen oder vielmehr nicht gesehen habe: Ich habe nicht gesehen, dass Doro den Mann mit dem Kochlöffel geschlagen hat.“

Da scheint mir das Motiv der Polizei aber klar zu sein: Sie wollte den Vorgang mit dem Obdachlosen aufklären. Manchmal glaube ich, dass du dir zu viel Sorgen machst.“

Dieter meldete sich zu Wort: „Das denke ich auch. – Wann bekakeln wir denn den Kauf von unserem Rad? Oder wollen wir es nicht kaufen?“

Auf jeden Fall sehen wir uns das Teil einmal an. Wenn es wirklich so ein Schnäppchen ist wie der Verkäufer sagt, dann dürfen wir uns das nicht entgehen lassen. Am besten ist, du gehst morgen mit Jan dort hin. Dann meldet ihr das Ding auf Jans Namen an und auch die Versicherung geht auf Jan. Er hat die beste Adresse von uns dreien.“ Werner schien schon wieder einen Plan zu haben. „Wenn es wirklich ein E-Bike ist, braucht man Führerschein. Ihr beide habt einen, aber ich müsste noch einen kleinen Roller Führerschein machen. Es ist besser, wenn ich nicht mitkomme, denn man muss uns ja nicht zu dritt in der Öffentlichkeit sehen.“

Das leuchtet mir ein!“ Jan zögerte einen Moment ehe er fortfuhr: „Wäre es dann nicht besser, wenn ich das Ding nach Hause fahre? Ich brauche keine Einweisung und habe Fahrpraxis auf Baggern, Planierraupen, Muldenkippern, Gabelstaplern und Motorrollern. Danach können wir Dieter und auch dir, Werner, Übungen auf einem großen Parkplatz machen lassen. Am besten an einem Sonntag, dann sind die Plätze leer.“

Dieter nippte an seiner Tasse mit Wodka und nickte zustimmend. Dann gab er aber zu bedenken: „Wenn wir das nun alles gründlich erörtert haben, sollten wir uns klarwerden, was wir alles am Baumarkt ausspähen wollen. Sollen wir die Punkte festlegen und aufschreiben, oder ist das zu gefährlich?“

Werner äußerte sich zu Dieter gewandt: „Morgen kaufst du und Jan das Fahrrad. Dann fährst du mit dem Bus zum Übo Markt und Jan fährt mit dem e-Bike. Dann kann er gleich feststellen, ob das Ding was taugt. Jan geht dann in den Baumarkt und schaut wo das Büro sein könnte. Du kannst in der Zeit die äußeren Gegebenheiten anschauen. Wo könnte man sich mit der Beute eine kleine Weile verstecken? Kann man zu Fuß zum Fluss hinunter spazieren. Ist die Bushaltestelle direkt am Markt oder muss man da auch noch laufen?“

Äh, das mit der Bushaltestelle weiß ich. Die ist direkt am Markt, man muss aber über den ganzen großen Parkplatz zum Eingang gehen. Sag mal, können wir nicht beide zusammen in den Baumarkt gehen, oder ich gehe in den Markt und Jan läuft außen herum?“

Jan mischt sich ein: „Also mir ist das egal, wenn es nicht grade in Strömen regnet. Übrigens, was machst du denn in der Zeit wenn wir so fleißig sind, Werner.“

Werner lächelte ein überhebliches, arrogantes Gutsherren Lächeln. „Ich gehe morgen dann noch einmal ins Aladin Theater zu meiner Bekannten. Meinen Laptop nehme ich dann mit.“

Damit konnte selbst Jan nichts anfangen: „Hast du darauf das Kamasutra gespeichert und möchtest es nachspielen?“

Liebe Pfreunde“, Werner sprach das PF in Freunde recht deutlich aus, damit die beiden merkten, dass er sie für Pflaumen hielt. Jan merkte das, Dieter wusste mit dem PF nichts anzufangen. Werner fuhr mit einer ausführlichen Schilderung seiner Absicht fort:

Im Altersheim gibt`s kein Wlan dessen Passwort ich kenne. Else kennt aber das Passwort für das Theater – Wlan. Damit gehe ich ins Internet, zu Google Maps und wenn ich Glück habe, kann ich mir ein Satelliten-Bild von dem Baumarkt und dessen Umgebung ausdrucken. Ich hoffe, dass dann einer im Büro ist, den ich um so einen Ausdruck bitten kann. Leider wird es nur ein Schwarz- Weiß Foto sein.“

Dieter staunte nicht schlecht. Was es alles heute schon gibt, dachte er im Stillen und Jan grinste in sich hinein. Da hab ich mit dem Hinweis auf das Kamasutra seine Überheblichkeit auch ohne Schönheitschirurg aus seinem Gesicht bekommen.

Dann stellte man noch einvernehmlich fest, dass der Wodka zur Neige gehe und man wollte morgen Ersatz besorgen. Das sollte vor der Inspektion des Baumarktes passieren, weil man dort bleiben müsse, bis der Markt schließen würde.

Obwohl die erste Gaunerei so ein klägliches Ergebnis gebracht hatte machte sich eine positive Grundstimmung breit. Das war nicht nur dem wenigen Alkohol geschuldet. In Wirklichkeit war ihre Lage bisher keinen Deut besser geworden. Sie waren finanziell nicht besser gestellt als vorher. Aber sie hatten ein dunkles Geheimnis auf sich geladen. 

8. Stremel: Latrinengerüchte und ein neuer Plan

Ein Wort vorweg zu diesem Kapitel: Glauben Sie nicht alles was Sie lesen, und lesen Sie nicht alles was Sie glauben, denn unser Gehirn nimmt selektiv wahr. Was man früher als Latrinengerüchte abgetan hat, heißt heute vornehm Verschwörungstheorie. Wenn man also genau das liest, was man ohnehin vermutet, werden diese Gerüchte zur eigenen Wahrheit. Sortieren Sie sorgfältig die Unterhaltung unserer drei Protagonisten nach solchen Kriterien. 

Leider hatte Werner den Artikel über den Todesengel gelesen und brachte die Unterhaltung gleich in diese Richtung.

In letzter Zeit wird oft über den demografischen Wandel in Deutschland geredet. Bald können die jungen Leute uns nicht mehr ernähren. Da kommen solche Todesfälle der Rentenversicherung doch sehr gelegen. Es ist und bleibt aber Mord.“

Jan war komplett entrüstet: „Nie im Leben würde ich glauben, dass unsere Regierung, oder überhaupt eine Regierung, zu so einem Schritt fähig wäre.“

Da trumpfte Dieter mit einer Erkenntnis auf: „In Argentinien – meine Tochter ist dahin ausgewandert – hat man den Rentnern kostenlos Viagra gegeben. Als Nebenwirkung konnte man damals als älterer Patient Herzinfarkt  bekommen und meiner Mutter hat ein Arzt einmal Clopazin oder Clozapin oder so verschrieben. Da stand auf dem Beipackzettel etwas von plötzlichen Todesfällen als Nebenwirkung. Meine Mutter war über 90 und ich war mitgegangen zum Arzt. Die Sprechstundenhilfe fragte damals, wie lange meine Mutter schon Rente bekommt. Das alles kommt mir jetzt schon etwas merkwürdig vor. Heute scheint mir die Frage sehr unanständig. Hätte sie gefragt, seit wann meine Mutter Rentnerin ist, dann hätte ich mir nichts dabei gedacht. Aber so…?“

Jan versuchte sich selbst und die Kollegen zu beruhigen: „Wenn es wirklich so wäre, dann hätte die Regierung viele Möglichkeiten, die Rentner loszuwerden. Sie könnte z. B. Das Essen auf Rädern vergiften mit einem schleichenden Gift. Bei alten Leuten würde die Polizei keine großen Untersuchungen veranstalten. Auch im Altenheim wäre das ein Klacks, Leute um die Ecke zu bringen. Durch vertauschen von Medikamenten – kann ja mal passieren. Aber natürlich auch über die Nahrung. In Russland versterben oft mehrere Menschen an selbst gebranntem Schnaps. Auch da könnte ein Agent Leute zum Kaffee einladen, hinterher einen Schnaps ausgeben und der wäre dann der letzte Drink des so Beschenkten. Das alles funktioniert nicht, man braucht zu viele Mitwisser.“

Viele Mitwisser braucht man nicht.“ Werner hatte schon eine Idee für die praktische Ausführung: „Ein einziger Agent könnte in einer Großküche Tausende von Menschenleben gefährden. Wenn er unauffällig eine Kelle Toxin in einen großen Kessel mit dem aktuellen Mittagessen oder mit dem Dessert gibt, dann macht er alle nachfolgenden Personen zu Handlangern ohne deren Wissen. Die Abfüller in Portionen, die Verteiler und auch jene, die die Nahrung übergeben. Ganz besonders effektiv wäre auch das Verbreiten von Grippeviren, die vorwiegend alte Leute dahinraffen. Um einen solchen Plan zu realisieren braucht es wenig Leute für viele Tote. Übrigens Plan, wollen wir nicht einmal diskutieren, wie wir die folgenden Wochen eine neue Strategie ausklügeln?“

Jetzt kam Dieter aber in Rage: „Lass uns erst einmal klarstellen, ob unsere Regierung zu solchem Handeln fähig wäre. Ich glaube, die könnte sich das gar nicht erlauben, weil die Leute vom Fernsehen oder von der Zeitung drauf kämen und einen großen Skandal draus machen würden.“

In Jan stieg schon wieder die bekannte Furcht auf. Könnte auch die deutsche Regierung zu solchen Handlungen fähig sein. Was würde das denn für sein eigenes Leben bedeuten? In seine Gedanken hinein gab Werner, der ja stets am Puls der Zeit mit seiner Lektüre von Zeitungen und Nachrichtensendungen gewesen war eine entlarvende Antwort.

Wir haben einen Bundestagspräsidenten, der einhundert Tausend D-Mark Schmiergeld in der Schublade vergessen hat. Wir hatten einen Bundeskanzler, der die Herkunft von Schmiergeld für seine Partei nicht einmal vor dem Untersuchungsausschuss erläutert hat. Wir hatten einen Innenminister, der nicht ` mit dem Grundgesetz unterm Arm ` herumlaufen wollte.  Das sind die dicksten Brocken. Von den kleineren Gefälligkeiten bei Abgeordneten, Ministern uns so weiter will ich gar nicht reden. Die Lobbyisten stellen eine ganze Bestechungsindustrie dar und niemand tut etwas dagegen. Keine Regierung packt eine Rentenreform an.“

Werner holte tief Luft, dann fuhr er fort: „ Geh doch mal in die Schulen und Lehrwerkstätten. Schon dort wird gesiebt. Wenn du noch so klug bist und als Handicap arme Eltern oder gar Migranten hast, dann bist du schon ein Leben lang benachteiligt. Ich habe selbst erlebt: Mein Vater war Gerüstbauer, meine Mutter Putzfrau. In der Schule hatte ich einen Klassenkameraden, dessen Vater Leiter eines Finanzamtes war. Ich weiß nicht, ob der Knabe doof war, aber wenn er es nicht war, dann war er stinkfaul. Meine Zensuren waren erheblich besser als seine. Trotzdem wurde er für weiterführende Schulen vorgeschlagen und mir riet man seitens der Lehrer, ich möge doch eine Lehre auf dem Bau anfangen. Dort sei ein Mangel an Lehrlingen.“

Werner wurde etwas leiser und auf seiner Stirn formierten sich Sorgenfalten, als würde er alles noch einmal erleben. Dann meinte er: „Auch meine Eltern rieten mir, auf den Bau zu gehen. Ein Kollege von meinem Vater war Maurer und verdiente gutes Geld. Dem solle ich nacheifern. Ich machte aber lieber in einem Fernkurs Fachhochschulreife, ein Studium konnte ich mir natürlich nicht leisten. Mit meinen Stärken in Deutsch und in deutscher Literatur konnte ich eine Stelle als Souffleur bei einem Theater bekommen und hab auch kleine Rollen gespielt oder als Statist fungiert. Ich will damit nur sagen, dass man den kleinen Leuten gerne Märchen von der Gerechtigkeit erzählt und viele glauben es.“

Diese Unterhaltung war nichts für Jan. Wenn Werner es selbst erlebt hatte, dann war es um die Gerechtigkeit ja wirklich nicht so gut bestellt in der Bundesrepublik. Dann sagte er wie zu sich selbst: „Aber kampflos geben wir nicht auf!“

Es war eine kleine Weil still in der Wohnung. Jeder grübelte für sich vor sich hin. Jan unterbrach die Stille: „Wir hatten ja über den Supermarkt gesprochen, wo so viel Geld am Tag reinkommt. Könnte man da einen Plan machen, der uns das Geld in die Hände spielt?“

Werner hatte eine andere Idee: „Nee, Leute, mitten in der Stadt, das ist nichts. Dann können wir uns gleich bei der Polizei melden und um Arrest bitten. Wir brauchen ein Objekt außerhalb mit großem Parkplatz…“

Jetzt meldete sich auch Dieter zu Wort: „Also ich weiß so einen Platz außerhalb. Es ist aber kein Supermarkt, sondern ein Baumarkt…“

Werner fiel ihm ins Wort: „Waaas, ein Baumarkt?“ Dieter erschrak: „Habe ich was falsches gesagt?“

Nein, Mensch, du hast die Lösung für unser Problem. Wo ist dein Baumarkt denn?“

Da muss man mit der Buslinie 15 fahren. Es ist ungefähr 2 Kilometer hinter unserem Ortsschild und da kommen am Wochenende immer viel Leute hin.“

Stellt euch mal vor: Ein Baumarkt. Da kauft kaum einer unter hundert Euro ein. Das wäre ein lohnendes Objekt. Wir müssen und das natürlich genau anschauen und einen minutiösen Plan ersinnen. Da darf nichts schiefgehen. Wenn es klappt, sind wir saniert. Glaubt mir das. Auch wenn manche Leute bargeldlos zahlen, es bleibt immer noch eine große Summe im Tresor.“ Werner geriet ins Schwärmen bei dem Gedanken.

Jan musste noch etwas loswerden: „Steht es also fest, dass wir weitermachen mit unserem Gewerbe?“ Darauf hatte Werner ein großartiges Zitat, dass wohl nicht aus der klassischen Literatur war, sondern das Schlagwort einer politischen Gruppe: „Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.“ Jedoch egal wer immer der Emittent dieser Worte gewesen war, der Satz entbehrte nicht einer gewissen Logik. Wie anders sollten die Benachteiligten Hilfe bekommen, wenn sie sich nicht selbst helfen würden.

Mit dem furchterregenden politischen Geschwätz mochte Jan nicht weitermachen. Daher fragte er an Werner gewandt: „Wie wollen wir denn die Gegend auskundschaften, wenn sie so weit von unserem Ort entfernt ist. Da muss man von hier ja mindestens fünf Kilometer gehen, hin und zurück. Und einmal beobachten wird nicht reichen, es müssen wohl mehrere Tage angesetzt werden.“

Was man auch tut, ein Plan ist oft hilfreich…

Das auf jeden Fall!“, meinte Werner. „Ich könnte mir vorstellen, dass wir ein elektrisches Fahrrad kaufen, gebraucht natürlich. Da nehmen wir das Geld, das wir jetzt schon haben und investieren es sozusagen in das Geschäft. Wahrscheinlich brauchen wir auch einen Helm. Führerschein brauchen wir keinen für so etwas.“

Sowohl Dieter aus auch Jan hatten einen alten Führerschein Klasse 3 und hätten sogar LKW bis 7,5 Tonnen damit fahren können. Werner hatte sein weniges Geld immer in Ausbildung oder Bücher gesteckt und daher keine Fahrerlaubnis bezahlen können. Autofahren konnte er aber auch.

Werner wollte noch etwas wissen: „Müssen wir noch etwas diskutieren? Oder anders herum: Hat noch jemand eine Frage?“

Darauf meldete sich Dieter, artig wie in der Schule gelernt, mit Handzeichen: „Gibt es heute keinen Daumenbreit Wodka?“

Jan holte 3 Tassen und eine angebrochene Flasche aus seiner Pantry. Schließlich gehörte der Wodka allen Dreien zu gleichen Teilen. Dann meinte er wie beiläufig an Werner gewandt: „Zwei Fragen bleiben bisher offen: Wer fährt das Ding und wo stellen wir es unter. Ich vermute, dass im Altersheim kein Platz dafür zu finden ist. Oder es wird kein Platz dafür genehmigt.“

Darüber habe ich auch schon ein wenig nachgedacht. Wir im Altersheim haben kaum Möglichkeiten, aber du als Mieter Jan, du könntest doch wohl auch einen Kellerraum haben. Ein Fahrrad kann dir schließlich keine Wohnungsgesellschaft verbieten.“

Das ist richtig. Bisher habe ich nicht einmal ein Schloss vor der Tür und wenn das Ding nicht zu schwer ist, dann kann es notfalls hochkant hineinpassen. Ich meine ja nur, wenn das Rad länger ist, als der Fußboden dort. Bleibt die Frage nach dem Gewicht. Hinunter werde ich es immer bekommen, aber aufwärts…? Da dürfte es nicht zu schwer sein.“

Das kommt wohl auch auf den Preis drauf an.“ Dieter mischte sich mit ein. Schließlich hat er auch Ahnung von Metallen und deren Gewicht. „Ein modernes E-Bike mit Teilen aus Leichtmetallen wird um einiges teurer sein als ein Gerät mit normalen Stahlrahmen.“

Werner konnte mit einer Antwort auftrumpfen: „Ich kenne einen großen Laden in der Heinrichstraße. Der hat immer eine Auswahl an gebrauchten Rädern. Oft auch Sonderangebote aus Asien. Es ist allerdings eine Strecke zu Fuß. Der Bus hält nur am Stresemann Platz. Von da ist es noch gut einen Kilometer. Da wäre es vielleicht besser, wenn nur Jan mitkommt.“

Eine Sache wollte Dieter noch klären: “Kann ich das Ding auch fahren? Ich meine wegen meiner Behinderung am Knöchel?”

“Das wird kein großes Problem werden. Ich übe mit dir auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt.” Jan bot sich sofort an.

Irgendwie war jetzt alles besprochen. Man wollte ein wenig Mobilität gewinnen, um den neuen „Job“ genauestens auszukundschaften.

Nachdem der obligatorische Daumenbreit eingeschenkt war gab es nur noch ein Wort zu sagen: “Prost!“

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